Schulische Herausforderungen bewältigen

Es ist viel. Für mich aktuell zu viel. Und für meine Kinder auch. Vor allem Leonie macht sich viele Gedanken. Sie ist überfordert mit den neuen Lernmethoden in der Schule. Dinge selbstständig über eine Online-Plattform zu erarbeiten ist für ihr AD(H)S-Gehirn ungewohnt und schwer umzusetzen. Sie fühlt sich alleingelassen, auch wenn wir als Eltern unser möglichstes tun, die ganzen Aufgaben, die ihr ihre Lehrer jeden Tag schicken zu bewältigen. Sie sieht den Berg und weiß nicht, wo sie anfangen soll ihn abzubauen. In meinen Augen sehnt sie sich nach Struktur. Im Alltag und vor allem aber im schulischen Bereich. Wir sitzen jeden Abend zusammen und versuchen den nächsten Tag so gut es eben geht mit einem Plan vorzubereiten. In machbaren Dosen und mit genug Pausen. Ob das reicht?

Ich weiß es nicht, aber wir alle geben unser Möglichstes und mehr können wir nicht tun. Das sage ich ihr auch jeden Abend, wenn sie Angst und Panik bekommt vor dem was kommt. „Mama, was wird morgen sein?“ „Bekommen wir auch Corona?“, „Würden Oma und Opa das Virus trotz ihrer Vorerkrankungen überleben?“, „Ich will nicht, dass sie sterben. Für mich würde dann eine Welt zusammenbrechen, dann will ich nicht mehr leben.“, „Wann sehe ich meine beste Freundin wieder?“, „Und die Katze? Wann sehe ich die Katze von Oma und Opa wieder?“, „Wann kann ich wieder dort übernachten?“, „Was wenn ich nie wieder shoppen gehen kann, weil alle Läden pleite sind?“ und „Ich habe Angst, dass sich die Menschen so verändern, dass ich diese Welt nicht mehr mag?“

Das sind alles Fragen auf die ich nur mehr oder weniger eine Antwort weiß. Aber sie sind alle auf einmal in ihrem Kopf und sprudeln abends unter Tränen aus ihr heraus. „Ich kann nicht mehr. Es ist mir alles zu viel“, ist dann meist Leonies Fazit. Ich denke „Mir auch mein Schatz, mir ist auch alles zu viel.“ Ich versuche ihr klar zu machen, dass wir auf die Situation nur wenig Einfluss haben und versuche sie mit Bildern zu erklären. Heute war es ein Stau. Was macht man, wenn es weder vor noch zurück geht? Könnten wir an der Situation etwas ändern? Nein. Wir kommen da nicht raus, denn wir stehen zwischen zwei Ausfahrten. Wir müssen warten, bis es ganz langsam wieder weiter geht. Eine Wahl haben wir nicht. Doch es gibt zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder wir verschwenden unsere Energie damit uns zu ärgern. Damit, auf die anderen Autofahrer oder den Stauverursacher zu schimpfen, wir hauen vielleicht aufs Lenkrad oder drücken wütend und ungeduldig auf die Hupe. Oder aber, wir spielen „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, „Ich packe meinen Koffer“ oder „Tierraten“ und danach machen wir die Musik im Auto ganz laut, tanzen und singen. Es geht nicht darum, wie die Situation ist, sondern darum, was wir aus ihr machen.

Und es ist wieder zu viel. Diese unbefriedigenden Erklärungen eines ebenfalls verunsicherten Erwachsenen. Ihr größtes Problem ist die Tatsache, sich auf eine völlig neue Situation einzustellen. Von heute auf morgen. Das Wort Corona ist ihr zu viel. Leonie neigt zu depressiven Phasen und die Diagnose „Depressionen im Kindes- und Jugendalter“ stand im Raum. Kurz vor der Krise. Gekoppelt mit ihrem AD(H)S und der Pubertät ein schwieriger Cocktail, der in solchen Ausnahmesituationen für alle schwer zu schlucken ist. Vor allem aber für sie. Ihre Erwartungen an sich selbst sind hoch. Die der Lehrer auch. In einer Mail des Englischlehrers stand heute „Wie das selbstständige Arbeiten funktioniert, haben wir im Unterricht mehrfach besprochen und auch schon in der Praxis durchgeführt. Es sollte in der Tat so sein, dass die Aufgaben und deren Strukturierung (was und wieviel mache ich wann?) von den Schülerinnen und Schülern (eigen-) verantwortlich gehandhabt wird.“ Für mein Kind ist diese Erwartung definitiv nicht zu erfüllen. Sie besucht die siebte Klasse, hat durch ihr AD(H)S bestimmte Defizite und dreht sich lieber auf ihrem Schreibtischstuhl, bastelt oder schaut den Gurken in ihrem kleinen Gewächshaus auf der Fensterbank beim Wachsen zu, als sich Grammatiklektionen selbst zu erarbeiten. Klar könnte man sagen, wie etwa meine Mutter: „Jetzt ist es halt so und Du bist fast 13 Jahre alt, also reiß´ dich zusammen und versuche dich zu organisieren. Ich musste das früher auch. Mir hat keiner bei den Hausaufgaben geholfen.“ Aber was kann man erwarten und was ist möglich? Leonie gibt 100 Prozent. Seit einer Woche jeden Tag. Mehr geht nicht. Und wenn es an einem Tag mal 70 Prozent sind, ist das ebenso. Die Welt dreht sich auch dann noch weiter.

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