Wie soll das nur funktionieren? Mit ADHS die Pubertät zu bewältigen ist sowieso schon schwer genug. In der Fachliteratur heißt es, sie sei intensiver und dauert wesentlich länger (in seltenen Fällen bis 25). In der Pubertät nabelt man sich ab, macht eigene Erfahrungen, wird selbstständig und entdeckt seine eigene Vorstellung vom Leben. Theoretisch. Wäre da nicht Corona. Wie soll das funktionieren, wenn die Kommunikation mit der Peer-Group, die das Allerwichtigste in diesem Lebensabschnitt ist, nur über Videochats und Social-Media stattfindet?

Viele Jugendliche fühlen sich alleingelassen. Von der Politik werden sie nicht oder nur kaum beachtet, die einzigen Kontaktpersonen im realen Leben sind die Eltern und wenn dann noch kleine Geschwister dazu kommen, fühlt sich die Welt komplett ungerecht an.

Leonie ist 13 1/2. Sie leidet. Enorm. Sie will eigentlich nur ihre Ruhe. Geht aber nicht. Ihr Kopf ist laut, die vielen Videokonferenzen, die sich so gar nicht wie Schule anfühlen, Eltern die ständig nörgeln, ein kleiner Bruder, dessen ADHS-bedingte Hyperaktivität momentan ins nahezu unermessliche steigt und jeder Konflikt mit Freunden wird über Whatsapp ausgetragen. Es fehlen vor allem Routine und Soziale Kontakte. Mal von einer Freundin in den Arm genommen werden, gemeinsam Tanzen, das Leben genießen.

Ich habe wirklich Angst, dass sie das verlernt. Das Genießen. Momentan ist alles grau. Depressionen in so jungen Jahren. Das tut mir weh. Auf der anderen Seite ist sie sehr gereizt und emotional. Es gibt oft Streit. Darüber, dass sie mal aus dem Bett kommen soll, darüber, dass sie nicht den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben soll, darüber, dass sie mal vor die Tür gehen soll oder darüber, dass wir (oder ihr Leben) zu laut sind. Dabei wird sie persönlich. Verletzt mich emotional. Aufgrund meiner emotional-instabilen Persönlichkeit trifft mich das sehr. Ich kann darüber nicht weghören. Wenn sie sagt “Eine gute Mutter würde jetzt anders reagieren…”, tut das sehr weh. Denn ich stehe aktuell morgens auf, um die ganze Crew hier möglichst ohne Schäden durch diese Krise zu bekommen und dann darf ich mir sowas anhören. Ich weiß, sie meint das nicht wirklich so. Trotzdem ist sie meistens nicht in der Lage sich im Nachgang zu entschuldigen. Anders als Brian. Ihm tun seine Ausbrüche meistens Leid, was er uns auch sagt/auch einsieht.

Ich habe keine Lösung für die Situation. Ich fühle mich machtlos. Kann an der Lage nichts ändern. Ich kann ihr nicht mehr soziale Kontakte zugestehen (aktuell darf sie sich mit Freunden draußen zum Spazieren gehen treffen) und sie muss Zuhause unterrichtet werden. Da bin ich schnell der Sündenbock, denn an irgendwem muss sie es ja rauslassen.

Das einzige, was ich versuche ist, mir Zeit zu nehmen, wenn die beiden Kleinen im Bett sind und der ganze Trouble vom Tag nachlässt, auch wenn ich dann meistens schon völlig fertig bin und mich wirklich fast dazu zwingen muss. Ich sage ihr immer wieder, dass ich/wir für sie da bin/sind. Letztens habe ich ihr über Spotify eine Traumreise angemacht und sie massiert. Das tat ihr gut. Ich versuche solche Momente zu schaffen, auch wenn es schwer fällt, bei all dem Chaos und den Konflikten, die ich mit Leonie habe.

Wer also noch eine Idee für diese Situation hat, der melde sich bitte…

Und wer auch ein Pubertier mit ADHS Zuhause hat und das Buch AD(H)S in der Pubertät: Jugendliche stärken und Krisen meistern noch nicht kennt, dem kann ich das nur wärmstens empfehlen. Es hilft. Und klärt auf. Über den seelischen Zustand der Kinder und die enorme Herausforderung, die sie in dieser Zeit leisten müssen.

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