„Ich setze mich heute nicht mehr auf diesen Scheiß Stuhl!“

Ich versuche in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Mathe ist nun mal nicht Leonies Stärke. Wobei es ganz gut klappt, wenn sie ein Thema interessiert. Da kann sie in einer Klassenarbeit auch schonmal ein gutes Ergebnis erzielen, auch wenn wir sonst eher im mangelhaften Bereich herumirren. Gestern haben wir – wie jeden Abend – den Stundenplan für heute erstellt und da stand für den Nachmittag, nach der einstündigen Mittagspause Mathe auf dem Plan. Diesen Zeitslot hatten wir uns deshalb extra ausgesucht, weil sie ein paar Aufgaben erklärt bekommen wollte und unsere kleine Fiona zu dieser Zeit ihren Mittagsschlaf macht und Brian seine Medienzeit hat. Also konnte ich mich ganz unserem (fast) Teenager widmen.

Es dauerte nicht mal drei Sätze, bis ich merkte, dass es keinen Sinn machte, den Versuch zu starten, ihr den Stoff zu vermitteln. „Ich hasse Brüche“, „Ich kann das nicht“, „Ich kann nicht mit Brüchen rechnen“ und so weiter… Totale Blockade. Und dennoch versuchte ich es weiter. Offenbar empfand sie die Situation als Provokation, was mir aber erst später klar wurde. Sie haute auf ihren Schreibtisch, wurde aggressiv und schrie mich an: „„Ich setze mich heute nicht mehr auf diesen Scheiß Stuhl!“ Ich wurde ebenfalls wütend, hatte meine Impulse (dank meines Borderlines) nicht mehr unter Kontrolle und schmiss den Stift gegen die Wand. Ich wurde ebenfalls laut und sagte, dass sie ihren Scheiß dann eben alleine lösen muss und das zweieinhalb Stunden lernen am Tag nicht dem Pensum entsprächen, das von ihr erwartet wird.

Die Lehrer hatten uns ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der zu erarbeitende Stoff in etwa der Schulzeit plus Hausaufgaben entspräche. Also um die sieben bis acht Stunden Arbeit warteten jeden Tag auf sie.

Nach solchen Situationen stelle ich mir oft die Frage, wo meine Erwartungen an mein Kind liegen und ob diese erfüllbar sind oder nicht. Was kann ich von meiner zwölfjährigen AD(H)Slerin erwarten? Sicher nicht sieben Stunden alleine am Schreibtisch sitzen und sich den Lehrplan selbst erarbeiten, wie es die Lehrer gerne hätten. Aber zweieinhalb Stunden sollten doch kein Problem sein, oder liegt hier schon ihre Grenze? Wie soll sie denn dann den Schulstoff bis zu den Osterferien schaffen? Denn diese würde ich dem Kind gerne gönnen. Ich bin an der Stelle etwas ratlos.

Nach dem Streit verließ ich den Raum (merke: Beim nächsten Mal die Situation früher verlassen) und sah Leonie erst drei Stunden später wieder. Sie verkroch sich in ihr Zimmer und wollte nichts mehr von mir und der Welt wissen. Handy und Tablet nahm ich mit raus.

Abends gingen sie und ich noch eine Stunde spazieren. Wir sprachen uns aus und ich merkte, wie wichtig diese Gespräche für sie sind. Aber auch für mich. Wir vereinbarten uns morgen nochmal an Mathe zu setzen, denn machen muss sie es sowieso. Diesmal aber zu einer Zeit, in der die Medikamente noch voll wirken und sie mehr Konzentration hat, als am Nachmittag. Wir werden sehen, wie es in den kommenden Tagen funktioniert. Heute Abend musste ich sie beim besprechen und Planen des morgigen Lernpensums manchmal bremsen, dass sie sich in ihrer inzwischen aufkommenden Euphorie nicht verliert und ihren eigenen Ansprüchen für morgen nicht gerecht werden kann. Morgen ist also ein neuer Tag und wir geben ihm eine neue Chance. Zum Thema „Erwartungen“ werde ich mal einen eigenen Post machen, dachte ich mir gerade.

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