“Ich halte es Zuhause nicht mehr aus”

Heute war ein sehr emotionaler Tag. Seit ein paar Tagen schon merke ich, dass die Situation mit dem Kontaktverbot immer mehr an uns nagt und uns als Familie auf eine ziemlich harte Probe stellt. Wir alle brauchen unseren Freiraum und unsere Zeit für uns. Normalerweise hat jeder seinen Tagesrythmus und am Nachmittag oder frühen Abend kommen wir alle wieder zusammen und tauschen uns über den Tag aus.

Da wir aber aktuell alle den ganzen Tag miteinander verbringen, fällt der Freiraum nahezu weg und auch der Austausch ist stark reduziert, weil wir am Tag alle mehr oder weniger das Gleiche erlebt haben.

Leonie hatte heute einen Termin bei ihrer Psychiaterin und dort wurde, auch im Gespräch mit mir die Situation Zuhause und vor allem die Situation unter den Geschwistern thematisiert. Um es kurz zu halten: Brian provoziert Leonie momentan ständig und sie steigt jedes mal voll drauf ein. Es wird laut und manchmal gehen sich die beiden sogar körperlich an. Brians Hyperaktivität wird durch die Langeweile und die dürftigen Strukturen derzeit enorm verstärkt und er macht in jeder freien Minute Blödsinn. Er provoziert uns Eltern, seine Geschwister, macht Dinge kaputt oder oder oder. Es ist wirklich schwierig und das weiß ich auch. Sein ADHS scheint sich durch die Ausnahmesituation zu potenzieren und damit kommt vor allem Leonie überhaupt nicht klar. Ich bin alt und erwachsen genug, um zu verstehen, dass das nicht er ist, sondern sein ADHS, dass er die Dinge nicht absichtlich schief laufen lässt und er sich nicht morgens schon vornimmt, Leonie den Tag zur Hölle zu machen. Leonie kann das natürlich nicht. Sie ist verletzt, kann sich nicht abgrenzen und wird durch sein Verhalten so getriggert, dass sie aggressiv wird.

Bei ihrem Arzttermin heute fiel dann der Satz: “Ich halte es Zuhause nicht mehr aus”. Ich wurde zum Gespräch dazugeholt und die Optionen wurden durchgesprochen. Entweder wir alle versuchen so gut es geht diese Einschränkungen als Familie zu bewältigen, versuchen vielleicht das ein oder andere Mal gelassener auf Provokationen zu reagieren, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und die Ecken und Kanten des jeweils anderen hin und wieder zu übersehen. Leonies Alternative wäre die vorübergehende Unterbringung in einer Jugendwohngruppe.

Für mich war dieses Wort wie ein Schlag ins Gesicht. Jugendwohngruppe. Inobhutnahme, Jugendamt. Habe ich als Mutter versagt? Ich versuche doch immer alles richtig zu machen. Versuche die Kinder dort abzuholen, wo sie gerade sind. Schaue immer danach, was sie gerade brauchen. Versuche die aktuelle Situation so gut es geht aufzufangen. Reicht das nicht?

Leonie reagierte ähnlich: “So habe ich das doch nicht gemeint. Ich will doch Zuhause bleiben. Die gehen mir nur alle momentan so auf die Nerven, dass es schwer auszuhalten ist.” So geht es mir auch. Es ist eine besondere Situation. Für uns alle. Nicht nur für sie. Wie oft am Tag sehne ich mich nach einer Pause. Nach dem Gefühl, alleine in der Wohnung zu sein und meine Serie weiterzuschauen. Ohne ein “Mama”, dass alle zwei Minuten von einem der drei Kinder durchs Haus hallt.

Ich habe es hier schonmal geschrieben: Wir können an den äußeren Gegebenheiten aktuell nichts ändern. Wir müssen das Beste aus ihnen machen.

Leonie ist sehr emotional und ihre Gefühle fahren Achterbahn. Pubertät und ADHS sind zusammen eine tolle Kombination. Besonders schwer ist es, zu definieren, was ist jetzt Pubertät und was ist ADHS? Der Gefühlsausbruch heute war sicher beides. Und dennoch ist es wichtig, Leonie die Optionen klar aufzuzeigen. Zu sagen, dass es eine Alternative gäbe, wenn sie es wirklich nicht mehr erträgt Zuhause, weil wir alle auf dem Zahnfleisch gehen. Und wenn es nur vorübergehend wäre, um die Situation zwischen den Kindern zu entzerren, so leid mir das auch täte und so traurig ich wäre.

Leonie hat immer wieder im Gespräch betont, was ihr an der Corona-Krise am meisten zu schaffen mache: Die Ungewissheit darüber, wie lange dieser Zustand anhält. Da sind wir uns wieder sehr ähnlich. Wenn ich wüsste, es wären nur noch drei Wochen, dann hätte ich ein Ziel vor Augen. Einen Schimmer von Normalität in der Ferne. Doch das weiß niemand. Keiner weiß, ob die Schule nach dem 19. April wieder beginnt und keiner weiß, ob wir nicht doch noch eine Ausgangssperre bekommen, was die Situation hier nur noch mehr verstärken würde, denn dann würden sogar unsere kleinen Spaziergänge ausfallen, bei denen Brian seinen Bewegungsdrang wenigstens etwas ausleben kann.

Die Psychiaterin möchte Leonie am Freitag wieder sehen. Das gibt ihr und auch mir Sicherheit. Dann sehen wir weiter. Aber für Leonie war am Ende dieses Tages klar: “Ich will Zuhause wohnen bleiben. Ich kann nicht ohne euch. Und auch nicht ohne Brian. Ich wünsche mir nur meinen Bruder zurück! Und, dass alles wieder normal wird. So schnell wie möglich!” Ich auch, mein Schatz… Ich auch…

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